Wo hört die Fotografie auf und wo fängt die kreative, computergestaltete Grafik an?
Um es vorweg zu sagen, es sind Könner am Werk, die Bilder gestalten, wie sie unter dem Begriff „experimentelle Fotografie“ zu finden sind. Die Frage, ob diese Art der Bildgestaltung noch der Fotografie zuzurechnen ist, bedeutet deshalb auch keine Abwertung. Es ist, so meine ich, eine andere Art künstlerischer Darstellung.
Nicht jeder Fotograf ist ein Computerfreak mit ausgefeilter Hardware und Software und so ist es vielleicht eine Frage der Fairness, hier eine separate Beurteilung zu finden, wie sie zum Beispiel beim Trierenberg Super Circuit durchgeführt wird.
Hier wird der Bereich experimentelle Fotografie separat bewertet. Somit hätten auch die Fotografen, die ihre Fotos ohne komplette computergestützte Umgestaltung präsentieren, eine Chance auf gerechtere Berurteilung ihrer Arbeiten.
Es ist mir bewusst, dass eine solche Trennung der Bewertung einiges Nachdenken erfordert. Ein Bild – ich spreche ganz bewusst jetzt nicht von einem Foto – dessen Aussage z. B. durch das Einkopieren von wesentlichen Bildteilen entsteht, ist meiner Meinung nach nicht mehr eindeutig der Fotografie zuzurechnen. Dies nur als Beispiel. Generell meine ich, wenn die wesentliche Aussage eines Bildes erst durch die Gestaltung am Computer erreicht wird, wäre dies eine Kunstform, die der separaten Beurteilung bedarf. Stellt sich die Frage, was ist dann noch ein Foto?
Greifen wir doch auf alte Tugenden zurück. Ein gutes Foto, und jetzt spreche ich bewusst von einem Foto, entsteht in erster Linie durch die Wahl des Motivs, durch eine gut gewählte Pespektive, durch die Gestaltung des Lichts bzw. Berücksichtigung der vorhandenen Lichtverhältnisse, durch Steuerung der Schärfentiefe und Bewegungsunschärfe und der Geometrie (z. B. goldener Schnitt, Diagonale, Symmetrie) des Fotos. Es bleibt jetzt noch genug Spielraum, um die Vorteile der digitalen Nachbearbeitung zu nutzen.
Die großartigen Möglichkeiten der Bildoptimierung in punkto Farbe, Kontrast, Dynamikumfang, Schärfe, Helligkeit, Fehlerbeseitigung usw. halte ich für legale Mittel, ein Foto zu optimieren, und es wäre immer noch ein ehrliches Foto, das eine faire Beurteilung verdient.
Eine Trennung der Beurteilung zwischen computergestalteten Bildern und Fotos im ursprünglichen Sinn mag zu langen Diskusionen und möglicherweise zu keinem Ergebnis führen. Aber wir, die Fotografen und die Juroren, können dieses abkürzen oder umgehen, indem wir wieder mehr zur eigentlichen Fotografie zurückfinden.
Peter Nörr